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Das wikingerzeitliche Gräberfeld von Kopparsvik

Mit gefeilten Zähnen und dem Blick zur Erde – das wikingerzeitliche Gräberfeld von Kopparsvik auf Gotland

Das spätwikingerzeitliche Gräberfeld von Kopparsvik lag an der Westküste der Insel, wenige hundert Meter südlich der mittelalterlichen Stadtmauer von Visby. Bereits Ende des 19. Jh. deuteten Funde von Skelettteilen und wikingerzeitlichem Schmuck, die bei der industriellen Erschließung des Geländes gemacht wurden, auf die Existenz von Gräbern hin, aber erst in den 1960er Jahren wurden der Bereich großflächig untersucht und ein Gräberfeld mit über 300 Bestattungen ausgegraben. Obwohl bereits während der Ausgrabungen deutlich wurde, dass sich viele der Bestattungen deutlich von dem unterschieden, was auf den übrigen Gräberfeldern Gotlands zu Tage kam, dauert es mehrere Jahrzehnte, bis das Fundmaterial in denArchiven wiederentdeckt und aus seinem Dornröschenschlaf gerissen wurde.

Mit über 330 ausgegrabenen und ursprünglich vermutlich 400–450 Gräbern, die teilweise durch die industrielle Nutzung des Geländes modern zerstört wurden oder mutmaßlich noch unentdeckt im Umfeld des Industriegebietes ruhen, war Kopparsvik das größte wikingerzeitliche Gräberfeld Gotlands. Erste Bestattungen können an den Übergang vom 9. zum 10. Jh. datiert werden, der absolute Großteil der Gräber wurde im Laufe des 10. Jh. – mit einem Klimax in der zweiten Hälfte – bis zum Beginn des 11. Jh. angelegt. Obwohl aufgrund der hohen Anzahl von Gräbern davon ausgegangen werden kann, dass das Gräberfeld von Kopparsvik nicht wie die meisten anderen gotländischen Gräberfelder nur als Bestattungsplatz einer oder mehrerer Hofgemeinschaften genutzt wurde, sind bisher keine größeren Siedlungsstrukturen des 10. und 11. Jh. gesichert, die Kopparsvik zugeordnet werden können. Daher ist davon auszugehen, dass die dazugehörige Siedlung an der Stelle des heutigen Visby gelegen haben muss, um den mittelalterlichen Hafen von Almedalen herum – heute eine Parkfläche im Herzen der Stadt.

Bereits während der Ausgrabungen fielen einige Besonderheiten an den Bestattungen auf. Zum einen zeigte sich eine auffällige Dominanz von Männerbestattungen, besonders im nördlichen Areal des Gräberfeldes entlang der wikingerzeitlichen Küstenlinie. Nur etwa ein Viertel der Bestatteten schienen Frauen gewesen zu sein, Kindergräber fehlten hingegen völlig. Entweder waren Frauen und Kinder auf einem separaten und bisher unentdecken Gräberfeld bestattet worden, oder – was wahrscheinlich ist – die Gemeinschaft, die um den Hafen von Almedalen siedelte und Kopparsvik als Bestattungsplatz nutzte, bestand großteilig aus Männern.

Auch waren die Gräber überraschend ärmlich ausgestattet. Der Großteil der Toten war nur in ihrer Tracht bestattet worden, so das sich die meisten Funde auf Trachtelemente wie Fibeln, Gürtelschnallen und Messer beschränkten, über ein Drittel der Gräber war vollkommen fundleer. Besonders auffällig war die geringe Anzahl von Beigaben, die üblicherweise in wikingerzeitlichen Männergräbern erwartet werden können; nur in sieben Gräbern waren den Toten Waffen beigegeben worden – zumeist Hiebmesser, Äxte und Lanzen. Schwerter, Schildbuckel und Rüstzeug oder Reiterzubehör fehlten völlig, womit sich eine deutliche Abkehr von dem traditionellen, archaischen Kriegerideal der Vendel- und frühen Wikingerzeit abzeichnet.

Bauchlage

Abweichend von der üblichen Bestattungssitte der Wikingerzeit – in Rücken- oder Seitenlage – waren etwa 50 Verstorbene auf dem Bauch liegend bestattet worden, eine für die gesamte skandinavische Wikingerzeit einzigartig hohe Anzahl.

In der Forschungsliteratur wird das kultur- und epochenübergreifende Phänomen der Bestattungen in Bauchlage oftmals als ein Indiz für sogenannte ‚deviant burials‘ gewertet, als despektierliche, postmortale Demütigungen und Ausgrenzung oder ‚Entsorgungen‘ des Leichnams oder als apotropäische Handlung zur Bannung von übernatürlichen Gefahren wie dem ‚bösen Blick‘ oder einer poten­tiellen Wiederkehr des Toten.

In Kopparsvik fehlten bei den meisten Bauchbestattungen jedoch die üblicherweise mit ‚deviant burials‘ assoziierten Faktoren, wie Enthauptungen, Steinigungen oder verdrehte, wie nachlässige Bestattungen wirkende Körperhaltungen. Der Großteil der Bauchbestattungen wich nur in der um 180° gedrehten, ventralen Lage der Toten von den übrigen Bestattungen ab, die Beine waren lang ausgestreckt und die Armhaltung war zumeist identisch zu den Bestattungen in Rückenlage – die Arme an der Seite angelegt oder unter Bauch oder Brust verschränkt –, viele der Toten waren in ihrer Tracht mit metallenen Trachtelementen wie Fibeln, Gürteln und Messern beigesetzt worden und die Gräber lagen zwischen den ‚normalen‘ Bestattungen, allerdings mit einem deutlichen Bezug zur wikingerzeitlichen Strandlinie, einige der Gräber waren direkt am Strand an der ehemaligen Wasserlinie angelegt worden.

Aufgrund der hohen Anzahl dieser Bestattungen und der oftmals offensichtlich sorgfältigen Niederlegung der Toten, die in Kopparsvik nicht als Abweichung sondern als eine Varianz der Normgesehen werden muss, erscheinen die beiden oben angeführten klassischen Erklärungsansätze für Bauchbestattungen als ‚deviant burials‘ nicht ausreichend. Diese Bestattungen sind nicht generell als negativ zu deuten, sondern scheinen in den meisten Fällen ein aktives und identitätskonstruierendes Grab­ritual mit kultureller bzw. religiöser Ursache darzustellen.

Ausgehend von ähnlichen Befunden – bspw. der Bestattung in Bauchlage des fränkischen Königs Pippin des Jüngeren oder Bauchbestattungen in merowingerzeitlichen christlichen Gräbern und auf hoch-und spätmittelalterlichen Klosterfriedhöfen – können die Bauchbestattungen in Kopparsvik als beson­dere Demutsgeste einer frühen christlichen Gemeinde interpretiert werden. Diese stellen bspw. in Abgren­zung zu den übrigen, teilweise heidnischen Bestattungen ein besonderes Bekenntnis zum Christen­tum im Bestattungskontext dar. Die Existenz einer christlichen Gemeinschaft um Kopparsvik herum lässt sich durch einzelne christliche Elemente in einigen Gräbern nachweisen – z. B. ein kleiner Kreuzanhänger – sowie durch die Erwähnung einer ersten Kirche im 10. Jh. an der Stelle des späteren Visby in der Gutasaga, der im 13. Jh. niedergeschriebenen legendenhaften Geschichte Gotlands.

Einen möglichen Erklärungsansatz für diese sorgfäl­tigen Bestattungen in Bauchlage bietet der in historischen Quellen wie in der altnordischen Sagaliteratur mehrfach erwähnte Ritus der Primsigning, eine erste Segnung, die als Katechumen eine vorläufige Aufnahme in die christliche Gemeinschaft vor dem abschließenden Sakrament der Taufe bedeutete. Die Primsigning ermöglichte Ungetauften so den Umgang mit Christen, was nach Aussage der Quellen besonders an christlichen Handelsplätzen oder am Hof von christlichen Königen von Bedeutung war. Die Bestattung in Bauchlage kann ausgehend von dieser Überlieferung als besondere Demutsgeste vor Gott gedeutet werden, die nötig oder gewünscht erschien, wenn ein Taufaspirant im Zeitraumdes Katechumenats – also nach der Primsigning aber noch vor der endgültigen Taufe – verstarb und so durch das Taufsakrament noch nicht von der Erbsünde befreit bzw. noch nicht in die christliche Gemeinschaft aufgenommen war. Für diese Interpretation sprechen auch Bestimmungen zur Bestattung von Primgesegneten in einigen altnordischen Gesetzessammlungen. Diese mussten in der Bestattung besonders exponiert werden, entweder durch die Lage außerhalb oder am Rand des eigentlichen Bestattungsareales oder am Flutsaum, der Grenze zwischen Wasser und geweihter Erde. Letztere Bestimmung stimmt deutlich mit der Lage vieler Bestattungen in Bauchlage in Kopparsvik – und vereinzelt auch auf anderen gotländischen Gräberfeldern – an der wikingerzeitlichen Strandlinie überein. Die einzigartige Menge der Bauchbestattungen in Kopparsik basiert damit möglicherweise auf der Existenz einer frühen konsolidierten christlichen Gemeinde vor Ort und ist als christliche Demutsgeste in Folge der Primsigning zu sehen.

Zahnfeilungen

Das zweite prägende Phänomen von Kopparsvik blieb im Gegenzug viele Jahrzehnte verborgen und wurde erst in den letzten Jahren durch die schwedische Anthropologin Caroline Arcini entdeckt. Über drei Dutzend Männer wiesen an den Schneidezähnen horizontal eingefeilte Riefen auf. Zahnfeilungen sind in vielen Kulturkreisen eine übliche Form von Initiationsriten, aus der skandinavischen Wikingerzeit wie generell aus Europa waren jedoch lange keine vergleichbaren Fälle bekannt. Erst in den letzten Jahren werden immer mehr Fälle dieser Modifikationen zumeist im östlichen Skandinavien – Birka, Sigtuna, Gotland, Öland und Südschweden – entdeckt, der Großteil der etwa 100 bekannte Individuen stammt von Gotland bzw. von Kopparsvik.

Erste zumeist populäre Deutungen im Rahmen von Zeitungsartikeln oder Fernsehdokumentationen stellte die Zahnfeilungen in einen Zusammenhang mit einer kriegerischen Elite, die sich durch diese Form der Modifikation ein besonders grimmiges Aussehen verleihen wollte. Obwohl diese These dem populären Bild des wilden Wikingerkrieger entspricht, weisen die nüchternen Fakten in eine andere Richtung. Bis auf einzelne Ausnahmen, wie den enthaupteten Mann in dem bekannten Massengrab von Weymouth in England, wies keiner der Männer mit Zahnfeilungen Hinweise auf eine Kriegertätigkeit auf. Kaum einer der Männer war mit Waffen bestattet worden und nur bei einzelnen Männern ließen sich (verheilte oder tödliche) Verletzungen am Knochenmaterial nachweisen, die auf eine Beteiligung an gewalttätige Aktivitäten hindeuten. Zudem sind die Feilungen nur sehr eingeschränkt sichtbar, selbst wenn man sie mit einer dunklen Paste bspw. aus Ruß einfärbt. Ausgehend von dem aktuellen Forschungsstand zu den Zahnfeilungen und dem bisher bekannten Material lässt sich neben der Beschränkung dieser Sitte auf Männer nur ein wirkliches Muster erkennen. Der absolute Großteil dieser Männer war an relevanten Handelsplätzen der Wikingerzeit bestattet worden. Diese Relation zu Handelsaktivitäten und die eingeschränkte Sichtbarkeit der Zahnfeilungen als sehr konspirativ wirkende Möglichkeit Identität und Legitimität darzustellen, ermöglichen die Theorie, dass es sich bei den Zahnfeilungen um einen Initiationsritus und ein Identifikationsmerkmal eines geschlossenen Händlerverbundes ähnlich späterer Gilden handelte. Dieser Theorie folgend könnten sich Angehörige dieses Verbundes durch die Zahnfeilungen ausweisen und erhielten möglicherweise Handelsvorteile, Schutz oder andere Privilegien, die im Hochmittelalter maßgeblich für den Erfolg des Konzeptes von festen Handelsgilden wurden.

Fazit

Auf den ersten Blick stellen die Bestattungen von Kopparsvik und die darin fassbaren ungewöhnlichen Sitten –Bauchbestattungen und Zahnfeilungen – noch immer echte archäologische Rätsel dar, für die nur einige mögliche Theorien als Erklärung angeführt werden können. Dennoch ermöglicht das umfangreiche Material von Kopparsvik tiefergehende Studien und ein besseres Verständnis von zwei ansonsten in der Ausprägung unbekannten Phänomen, die auch neue Impulse für die gesamte skandinavische Wikingerzeit geben. Zudem lässt die Auswertung von Kopparsvik als Bestattungsplatz einer handelsorientierten und vermutlich in frühen Gildenverbünden strukturierten Gemeinschaft mit einer konsolidierten christlichen Gemeinde neue Sichtweisen auf die Etablierung einer frühen, proto-urbanen Siedlungsstruktur an der Stelle des mittelalterlichen Visby zu und belebt die alte Forschungsdebatte um Gründung und Funktion von Visby.


Zum Weiterlesen

Toplak, Matthias S., 2016, Dem Rätsel von Kopparsvik auf der Spur, in: Archäologie in Deutschland 05/2016, S. 58–59.

Toplak, Matthias S., 2016, Das wikingerzeitliche Gräberfeld von Kopparsvik. Studien zu neuen Konzepten sozialer Identitäten am Übergang zum christlichen Mittelalter. Dissertation Universität Tübingen, Tübingen.

Toplak, Matthias S., 2015, Prone Burials and Modified Teeth at the Viking Age Cemetery of Kopparsvik. The Changing of Social Identities at the Threshold of the Christian Middle Age/ Pochówki na brzuchu i zmodyfikowane zęby na cmentarzysku w Kopparsvik w epoce wikingów. Zmiany tożsamości społecznej na progu chrześcijańskiego średniowiecza, in: Analecta Archaeologica Ressoviensia 10, S. 77–97.