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Gokstad und Oseberg – Zwei außergewöhnliche Schiffsgräber der Wikingerzeit

Die Entdeckung des Schiffsgrabes von Gokstad in der norwegischen Provinz Vestfold in den Jahren 1879/1880 war einer der zentralen Impulse für die wikingerzeitliche Archäologie in den nordischen Ländern. Wenige Jahre zuvor hatte der schwedische Entomologe (Insektenkundler) Hjalmar Stolpe nach der zufälligen Entdeckung von archäologischen Funde auf der Insel Björkö im Mälarsee, westlich von Stockholm, mit der Ausgrabung des bedeutenden Handelsplatzes von Birka begonnen und auf beiden Seiten des Oslofjordes waren 1751 und 1867 in Rostad und Tune sowie 1852 in Borre bereits frühe, jedoch nur schlecht erhaltene Schiffsgräber der Wikingerzeit ausgegraben worden. Es war jedoch erst die Entdeckung des eindrucksvollen und ausgesprochen gut erhaltenen Schiffes aus dem Grabhügel von Gokstad, das als Paradebeispiel für die legendären und ikonischen ‚Drachenschiffe‘ der Wikinger zu einem verstärkten Interesse an der skandinavischen Frühzeit führte. Wie so oft in der Archäologie war auch der Fund des Schiffsgrabes von Gokstad eine Mischung aus Zufall und Neugier. Die Söhne des Hofbesitzers von Gokstad wollten im Jahr 1879 eine lokale Legende überprüfen, der zu Folge sich in der noch etwa fünf Meter hohen und über 45 Meter durchmessenden und als ’Königshügel‘ bezeichneten Erhebung das Grab eines Königs aus der Vorzeit befinden solle. Der Fund von Holzteilen führte im folgenden Jahr zur wissenschaftlichen Ausgrabung des Hügels durch den norwegischen Archäologen Nicolay Nicolaysen. Innerhalb weniger Monate legte Nicolaysen im Sommer 1880 mit seinem Team ein bis an das Dollbord weitestgehend erhaltenes, fast 24 Meter messendes Langschiff frei, auf dessen Deck eine zeltartige hölzerne und mit Seidenstoffen ausgekleidete Grabkammer errichtet worden war. Dendrochronologische Analysen des Schiffes und der in der Grabkammer verwendeten Hölzer ergaben präzise Datierungen auf das Ende des 9. Jahrhunderts nach Christus. Vermutlich wurde das Schiff in den 880er- oder frühen 890er-Jahren gebaut und bereits um das Jahr 900 nach Christus herum in dem Hügel begraben. Zwar war die Grabkammer durch Grabräuber geplündert und zerstört worden und es fanden sich abgesehen von insgesamt 64 Rundschilden weder Waffen noch Schmuck, aber die verbliebenen Funde, wie Möbel und Küchengeräte sowie Knochen von einer Vielzahl geopferter Tiere – darunter auch zwei Greifvögel und zwei Pfauen – belegen die enorme Bedeutung und den Status des Verstorbenen. Die Knochen des Toten zeigten, dass es sich um einen recht groß gewachsenen Mann mit einer Körperhöhe von über 180 cm handelte, der im Alter von etwa 40 Jahren im Kampf fiel. Die tödliche Wunde war ein Stich in den rechten Oberschenkel, der vermutlich die Arterie verletzte und innerhalb weniger Minuten zum Tod durch Verbluten führte. Das Schiffsgrab von Gokstad mit dem bis heute unidentifizierten Toten – sämtliche Versuche, ihn mit den in Sagen und Legenden überlieferten Königen der Wikingerzeit in Verbindung zu bringen, scheiterten bisher – entspricht damit dem spektakulären Mythos des in der Schlacht getöteten Wikingerkriegers, der mit reichen Grabbeigaben auf seinem Schiff auf die Reise nach Walhalla, in das Jenseits der Krieger, geschickt wurde. Zwar steht das Schiff von Gokstad seit über 100 Jahren zusammen mit den Schiffen von Oseberg und Tune in dem extra dafür errichteten Vikingskipshuset auf Bygdøy in Oslo, aber die Knochen des Mannes wurden 1929 in einer feierlichen Zeremonie in Gegenwart des norwegischen Königs Haakon VII. wieder im Grabhügel bestattet.

Der Fund des Grabes von Gokstad führte zu einer landesweiten Begeisterung für die Wikinger und für die Weltausstellung in Chicago 1893 wurde eine exakte Kopie des Schiffes gebaut, die mit einer Atlantiküberquerung von Bergen in Norwegen nach New York und über Hudson und Eriekanal bis nach Chicago die Hochseetauglichkeit der Wikingerschiffe eindrucksvoll unter Beweis stellte. In Folge dessen wurden zunehmend auch andere Hügel als mögliche Schiffsgräber der Wikingerzeit untersucht, zumeist von den Hofbesitzern, auf deren Land die Hügel lagen. Auch der noch fast 6,5 Meter hohe und 40 Meter durchmessende ‚Fuchshügel‘ beim Oseberghof, gelegen einige Kilometer zwischen den bereits bekannten Schiffsgräbern von Gokstad und Borre, wurde 1903 durch den Bauern des Oseberghofes geöffnet. Vorausgegangen war eine kuriose Geschichte; der Eigentümer des Hofes arbeitete als Skipper auf dem Hudson River in New York und besuchte dort eine Wahrsagerin, die ihm – entgegen der typischen Geschichte der glücksverheißenden Neuen Welt – vorhersagte, dass sein Glück daheim in Norwegen in einem geheimnisvollen Hügel auf ihn warten würde. Daraufhin kehrte er heim und begann den Hügel zu öffnen. Er fand jedoch weder ein Wikingerschiff noch sein Glück, sondern erkrankte kurz darauf und verstarb. Der nächste Besitzer des Hofes setzte die Grabungen am Hügel fort und stieß tatsächlich auf beschnitzte Holzteile, welche die Hoffnung weckten, ein weiteres Schiffsgrab der Wikingerzeit gefunden zu haben. In den beiden folgenden Jahren wurde der Hügel unter Leitung des schwedischen Archäologen Gabriel Gustafson ausgegraben.

Die Funde von Oseberg können als noch spektakulärer und von noch höherer Bedeutung für das Wissen zur Wikingerzeit angesehen werden, als Gokstad. In einem 22 Meter langen, mit aufwändigen Schnitzereien verzierten Schiff von einzigartiger Eleganz waren zwei Frauen mit einer großen Menge von Alltagsgeräten, Möbeln und Werkzeug bestattet worden. Das bei der Ausgrabung nahezu vollständig erhaltene Schiff von Oseberg ist sicherlich das berühmteste und am häufigsten abgebildete Wikingerschiff und hat die Wahrnehmung dieser Schiffstypen wohl maßgeblich geprägt, obwohl es sich nicht um ein hochseetaugliches Langschiff, sondern eher um eine elegante Yacht für die Küstenseefahrt handelt. Zwar fanden sich ebenso wie im Grab von Gokstad keine wertvollen Funde aus Edelmetall – diese waren vermutlich bei einer erneuten Öffnung des Grabes etwa ein Jahrhundert nach der Bestattung entnommen worden – aber das Grab enthielt für die Wissenschaft unschätzbar wichtige Funde vor allem aus Holz.  Ein vierrädriger Wagen, mehrere Schlitten, Betten, Webstühle und eine Reihe von Holztruhen mit Handarbeits- und Haushaltsgeräten sowie Werkzeugen bilden ein einzigartiges Ensemble von Alltagsgeräten, Werkzeug und Möbeln, das tiefe Einsichten in die Handwerkstechniken und besonders die Holzverarbeitung der Wikinger ermöglicht. Die aufgrund des Fälldatums der Hölzer für die Grabkammer auf das Jahr 834 datierbare Bestattung der beiden Frauen gibt bis heute Rätsel auf ist Gegenstand von intensiven Diskussionen. Eine der beiden Frauen hatte mit etwa 70–80 Jahren ein hohes Alter erreicht, ihre Knochen künden von einer Reihe altersbedingter Gebrechen wie Arthritis. Auch die zweite Frau war neuen Untersuchungen an ihren Skelettresten zufolge anders als früher geschätzt nicht bereits mit 25–30 Jahren, sondern erst mit 50–55 Jahren verstorben. Aufgrund eines bei der ersten Untersuchung diagnostizierten Bruches an einem Schlüsselbein wurde diese jüngere Frau früher oft als Menschenopfer interpretiert, die der älteren Frau als Dienerin für das Jenseits mitgegeben worden. Lange Zeit wurde darüber spekuliert, dass es sich bei der älteren Frau – der regulären Bestattung – um die aus der altnordischen Literatur bekannte Königin Åsa handeln könnte, Mutter des legendären Königs Halfdan des Schwarzen (Halfdanr Svarti). Dafür sprachen die Datierung des Grabes auf die Mitte des 9. Jahrhundert, die Namensähnlichkeit zwischen Oseberg und Åsa und die unbestreitbare Tatsache, dass das bisher einzigartige Grab für eine enorm bedeutende Persönlichkeit angelegt worden sein muss. Spannenderweise wird regelmäßig darüber diskutiert, ob es sich bei dem im Grab von Gokstad bestatteten Mann um Olav Geirstadalv Gudrødsson (Ólaf Geirstaða Álfr), einen lokalen Kleinkönig, gehandelt haben könnte. Als Halbbruder von Halfdan dem Schwarzen wäre er der Stiefsohn von Åsa. Zur Überprüfung dieser Theorie wurden die Skelettteile vor wenigen Jahren exhumiert und erneut untersucht, allerdings ohne aussagekräftige Ergebnisse. Gegen die Identifikation als Olav Geirstadalv spricht auch die Datierung, den literarischen Quellen zufolge soll Olav Mitte des 9. Jahrhunderts gestorben sein, mehrere Jahrzehnte vor der Errichtung der Grabkammer auf dem Gokstadschiff.

Inzwischen gilt auch nicht mehr als sicher, welche der beiden Frauen tatsächlich die eigentliche Bestattung darstellt, oder ob das Grab vielleicht für beide Frauen angelegt wurde. Bei neuen Untersuchungen am Skelett der jüngeren Frau stellte sich nicht nur heraus, dass der Bruch des Schlüsselbeines bereits zu Lebzeiten verheilt war und damit kein Anzeichen für einen gewaltsamen Tod ist. Analysen ihrer DNA ergaben zudem, dass sie gar nicht aus Skandinavien stammte, sondern dass sie oder ihre direkten Vorfahren aus dem Schwarzmeerbereich, möglicherweise aus dem heutigen Iran, kamen. Dass Handelsverbindungen bis nach Vorderasien zur Wikingerzeit bereits existierten, lässt sich an einer Reihe von Funden belegen, nicht zuletzt an Seidenstoffen aus dem Grab von Oseberg selbst. Dass eine Frau aus Vorderasien jedoch bis nach Nordeuropa gelangte und dort in einem dermaßen prunkvollen Grab beigesetzt wurde, stellt jedoch ein spektakuläres Ergebnis dar.

Ebenso wird die Interpretation des Grabes als Bestattung einer Königin zunehmend hinterfragt. Aufgrund einiger Funde – bspw. einem Bildteppich mit Darstellungen zeremonieller Prozessionen und kultischer Handlungen – wurde darüber spekuliert, ob es sich bei einer der beiden Frauen um eine Priesterin eines Fruchtbarkeitskultes der beiden altnordischen Götter Freyja und Frey gehandelt haben könnte. Auch wurde die Theorie vorgebracht, dass die Bestattung eigentlich ursprünglich einem Mann gegolten habe, dessen Knochen wenige Jahre nach der Grablege exhumiert worden seien. Zum einen fanden sich im Grab Funde, die sonst üblicherweise mit Männern verbunden werden, wie bspw. ein Sattel und Zaumzeug, und von einigen anderen Funden waren jeweils drei Exemplare mit ins Grab gegeben worden. Zum anderen wurden auch in einigen anderen Schiffsgräbern die Knochen der Toten offensichtlich aus rituellen Gründen nach einiger Zeit exhumiert. Die Interpretation des Grabes von Oseberg wird darüber hinaus auch durch die vielschichtigen Rituale rund um die Bestattung erschwert, die sich im archäologischen Befund abzeichnen und die zusammen mit den Schilderungen in ibn Faḍlāns Augenzeugenbericht die Komplexität wikingerzeitlicher Bestattungsriten aufzeigen. Offensichtlich wurde das Totenschiff nicht unmittelbar nach der Bestattung der beiden (oder drei?) Toten unter dem Grabhügel versiegelt. Anfangs wurde nur ein Grabhügel über dem Achterschiff aufgeworfen, während der Bug und vermutlich auch Teile der Grabkammer über einen bislang noch unbekannten Zeitraum – vermutlich mehrere Wochen oder Monate – offenstand. Dies belegen Funde von Pollen und Samen im Bereich des Vorderschiffes, die aus einer anderen Jahreszeit stammten, als die Pollen aus dem Achterschiff. Während dieser Zeit scheinen weitere Rituale, möglicherweise Feiern zu Ehren oder Gedenken der Toten, am teilweise noch offenen Grab stattgefunden zu haben. Unter Umständen hatten diese längerfristigen Bestattungsrituale aber auch eine wichtige apotropäische, d. h. schützende Funktion, denn mehrere Aspekte weisen darauf hin, dass die Bevölkerung Angst vor den beiden Verstorbenen gehabt haben könnte. So war die hölzerne Grabkammer ohne Türe gefertigt worden und konnte nach Niederlegung der Toten nicht mehr betreten werden. Auch das Schiff selber war auf eine Art und Weise gesichert worden, die bei anderen Schiffsgräbern nicht üblich ist. Es war an einem großen Stein vertäut, als hätten die Bestattenden verhindern wollen, dass das Schiff mit den beiden Frauen den Grabhügel verlassen könnte. Unklar ist, wie die erneute Öffnung des Grabes Mitte des 10. Jahrhunderts zu deuten ist. Bei der Ausgrabung des Schiffes zeichnete sich deutlich ein Tunnel im archäologischen Befund ab, der bis zu der mittschiffs gelegenen, aufgebrochenen Grabkammer führte und in dem verstreute Knochen der beiden Bestatteten, zerschlagenes Mobiliar sowie die bei der Graböffnung verwendeten hölzernen Spaten lagen. Aufgrund des Fehlens von Objekten aus Edelmetall ist es wahrscheinlich, dass es sich um Grabräuber gehandelt hat, die ebenso wie bei dem Schiffsgrab von Gokstad ohne Rücksicht auf die Bestatteten die Grabkammer plünderten. Basierend auf der von einem schwedischen Forscher vor einigen Jahren postulierten Theorie, dass eigentlich drei Personen im Grabhügel von Oseberg bestattet waren und die zentrale Bestattung die eines Mannes war, ist es auch möglich, dass es sich um eine gezielte Exhumierung des dritten Bestatteten gehandelt haben könnte. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es sich entweder um ordinären Grabraub gehandelt hat, oder die Zerstörung der Grabkammer im Rahmen von Erbfolgestreitigkeiten geschah. Sicher ist bei dem Schiffsgrab von Oseberg nur, dass es sich um keine alltägliche, normale Bestattung aus der Wikingerzeit gehandelt hat.