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Mythen und Legenden über weibliche Kriegerinnen - die Amazonen - beflügeln bis heute unsere Phantasie und beeinflussen auch die aktuelle Diskussion um Schildmaiden und Kriegerinnen in der Wikingerzeit.

Der Mythos der Amazonen ist spätestens ab dem 6. Jh. vor Christus in griechischen Schriftquellen und auf Abbildungen überliefert und scheint auf eine Gruppe von reiternomadischen Völkern der Antike zurückzuführen zu sein, die als Skythen bekannt sind. Anthropologische Untersuchungen der letzten Jahre haben zunehmend reiche Bestattungen von Frauen mit Waffen, Reitausrüstung und teilweise in männlicher Tracht zu Tage gebracht. Da einige dieser Frauen auch deutliche Spuren von Gewalteinwirkung im Knochenmaterial aufzeigten, ist davon auszugehen, dass bei den Skythen auch Frauen in den Kampf zogen.

Ein besonders interessanter (Neu-)Fund ist das Grab eines jungen Individuums, das bereits 1988 in Sibirien entdeckt wurde. Aufgrund der Waffen in dem Grab nahm die Wissenschaft jahrzehntelang an, dass es sich bei dem Individuum um einen Jungen handeln würde. Neue aDNA-Analysen haben jetzt jedoch ergeben, dass es sich bei dem jungen Krieger tatsächlich um ein etwa 13 Jahre alte Mädchen handelt.

Der Fund bestätigt die neueren Theorien zu weiblichen Kriegerinnen bei den Skythen und kann möglicherweise auch neue Perspektiven für die schwelende Diskussion um Kriegerinnen in der Wikingerzeit eröffnen.

Nachdem bereits im letzten Herbst auf der norwegischen Insel Edøya, Møre og Romsdal, nahe der Kirche mittels Georadar durch das Norwegian Institute for Cultural Heritage Research (NIKU) die Reste eines wikingerzeitlichen Schiffes in einem Grabhügel sowie Siedlungsreste entdeckt wurden, haben die Auswertungen der Daten des Georadar nun noch ein weiteres Schiffsgrab zu Tage gebracht.

Nicht-invasive Untersuchungen mittels Georadar, bei denen der Untergrund mittels Radarwellen und Magnetik abgetastet wird, haben in den letzten Jahren beeindruckende Ergebnisse geliefert, nicht zuletzt mit der Entdeckung des Schiffsgrabes von Gjellestad.

Auf der berühmten Insel von Lindisfarne vor der englischen Küste von Northumberland wurde bei Ausgrabungen ein Spielstein aus Glas gefunden, der den aus Gräbern der Wikingerzeit bekannten Spielsteinen für das Brettspiel Hnefatafl gleicht.

Das Kloster auf der Insel von Lindisfarne war am 8. Juni 793 von Wikingern überfallen worden. Obgleich es sich dabei nicht um den ersten historisch überlieferten Raubzug von Wikingern in Westeuropa handelte, gilt der Überfall von Lindisfarne bis heute als Beginn der historischen Epoche 'Wikingerzeit'.

Der Fund des Spielsteines ist von enormer Bedeutung für die wikingerzeitliche Archäologie, handelt es sich doch um einen der ersten Funde skandinavischer/wikingischer Herkunft, der auf der Insel entdeckt wurde. Ob der Spielstein tatsächlich von dem Überfall im Jun 793 stammt, kann jedoch bezweifelt werden. Es kann davon ausgegangen werden, dass bereits vor 793 Kontakte zwischen den Skandinaviern und angelsächsischen Zentren wie bspw. Lindisfarne bestanden haben.

Morgen Vormittag zwischen 09:35–10:00 Uhr wird in der Sendung 'Tag für Tag' beim Deutschlandfunk ein Interview mit Prof. Dr. Dr. Rudolf Simek und mir zur Missionierung Grönlands in der Wikingerzeit ausgestrahlt. Den Text zum Beitrag inklusive ein paar Bilder gibt es hier.

In der aktuellen Ausgabe der NZZamSonntag vom 06.06.2020 ist ein längerer Artikel zu Doppelbestattungen in der Vor- und Frühgeschichte erschienen, in dem ich dankenswerterweise als Spezialist zur Wikingerzeit zu Wort komme.

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Der Grabhügel von Gjellestad, Østfold, in Norwegen soll in den kommenden Monaten ausgegraben werden. In dem zerpflügten Hügel war 2018 durch das Ludwig Boltzmann Institut mittels Georadar ein weitestgehend erhaltenes, etwa 20 Meter langes Schiff entdeckt worden. Zudem konnten weitere sieben, bislang unbekannte Grabhügel und fünf Langhäuser nachgewiesen werden.

Darstellung des Schiffsgrabes von Gjellestad in den Daten des Georadar
© NIKU / LBI ArchPro

Die Öffnung des Grabes von Gjellestad wird die erste moderne Ausgrabung eines wikingerzeitlichen Schiffes sein und verspricht weitreichende neue Erkenntnisse über Schiffsbautechniken wie auch über Grabsitte der norwegischen Wikingerzeit. Notwendig geworden ist die Ausgrabung aufgrund von Pilzbefall, der die noch erhaltenen hölzernen Strukturen des Schiffes zerstören könnte.

Am Sonntag wurde ich für eine neue Folge von Terra X vor der beeindruckenden Kulisse des Felsenmeeres interviewt und durfte im Anschluss mit meinem guten Freund Martin noch ein paar Schilde vor der Kamera zerschmettern.

Vielen herzlichen Dank für den spannenden und lustigen Drehtag an Christian Stracke und das Team von Kelvinfilm!

© Christian Stracke
© Christian Stracke

Einige neue populärwissenschaftliche Artikel zu den Themen Körpermodifikationen inklusive Tätowierungen und Schädeldeformierungen bei den Wikingern sowie zu Katzen in der Wikingerzeit, die in der letzten Zeit in der 'Archäologie in Deutschland' erschienen sind, lassen sich nun hier auch online einsehen.

Eine jüngst im Journal of Ethnopharmacology veröffentlichte Studie postuliert auf Grundlage pharmakologischer Untersuchungen, dass der Kampfrausch der berühmten altnordischen Berserker nicht - wie bislang oft vermutet - durch Fliegenpilze verursacht wurde, sondern stattdessen durch ein bestimmtes Nachtschattengewächs, das Schwarze Bilsenkraut.

Berserker sind in der altnordischen Literatur furchteninflößende Krieger, die in einem Kampfrausch weder Schmerzen noch Angst fühlen. In der Skaldik des 9. und 10. Jh. sind diese Berserker anscheinend eine Art Elitekrieger im Gefolge des Königs, in der späteren altnordischen Sagaliteratur werden dagegen notorische Gewalttäter und Unruhestifter als Berserker bezeichnet.

Was tatsächlich hinter den legendären und mythenumsponnenen Berserkern der altnordischen Überlieferungen steckt, ist jedoch noch immer unklar: Waren es tatsächlich besondere Elitekrieger, die sich durch die Einnahme bestimmter Substanzen oder tranceartige Tänze in einen Kampfrausch versetzen konnten, bezieht sich der Begriff auf die Erinnerungen an germanische Krieger, die als Gladiatoren bei Tierhatzen in römischen Arenen gegen Bären kämpfen mussten oder handelt es sich schlicht um eine literarische Erfindung?

Die neue Studie belegt jedoch zumindest, dass in Nordeuropa zur Wikingerzeit mit dem Schwarzen Bilsenkraut eine Pflanze vorkam, die - in der richtigen Dosis verzehrt - zu einer Vergiftung führte, deren Symptome überraschend gut zu den Eigenschaften der legendären Berserker passen. Zudem ist Schwarzes Bilsenkraut in der Archäologie der Wikingerzeit absolut nicht unbekannt. In einem Grab im dänischen Fyrkat war eine offensichtlich sozial hochstehende Frau mit einer Reihe von ungewöhnlichen Grabbeigaben bestattet worden, darunter mehrere Amulette, ein eiserner Stab, der als Zauberstab gedeutet werden könnte sowie ein kleiner Beutel mit Samen von Schwarzem Bilsenkraut. Es ist immer viel Spekulation mit im Spiel, wenn aus Grabbeigaben die soziale Stellung oder Funktion des Bestatteten zu Lebzeiten herausgelesen werden soll, aber die merkwürdigen Grabbeigaben der Dame aus Fyrkat lassen es durchaus plausibel erscheinen, dass die Frau zu Lebzeiten ein 'ritual specialist' war, eine Priesterin, Wahrsagerin oder Hexe.