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Am 28.03.2020 war ich beim WDR zu Gast und habe mit Moderator Uwe Schulz über die Plünderung von Paris durch die Wikinger unter ihrem legendären Anführer Ragnar gesprochen.

Das lange Interview (gemeinsam mit Prof. Dr. Sebastian Brather) in der Sendung Zeitzeichen bei WDR 3/5 lässt sich hier anhören/herunterladen, die gekürzte Version beim Stichtag von WDR 2 kann man hier finden.

Am kommenden Samstag, dem 28.03.2020, spreche ich in der Radiosendung Zeitzeichen bei WDR 3/5 mit Moderator Uwe Schulz über die Plünderung von Paris durch die Wikinger unter ihrem legendären Anführer Ragnar, dem Vorbild des Ragnar aus 'Vikings'.

Das Interview wird bei WDR 3 ab 17:45 Uhr und bei WDR 5 ab 09:45 gesendet.

Eine jüngst im Journal of Ethnopharmacology veröffentlichte Studie postuliert auf Grundlage pharmakologischer Untersuchungen, dass der Kampfrausch der berühmten altnordischen Berserker nicht - wie bislang oft vermutet - durch Fliegenpilze verursacht wurde, sondern stattdessen durch ein bestimmtes Nachtschattengewächs, das Schwarze Bilsenkraut.

Berserker sind in der altnordischen Literatur furchteninflößende Krieger, die in einem Kampfrausch weder Schmerzen noch Angst fühlen. In der Skaldik des 9. und 10. Jh. sind diese Berserker anscheinend eine Art Elitekrieger im Gefolge des Königs, in der späteren altnordischen Sagaliteratur werden dagegen notorische Gewalttäter und Unruhestifter als Berserker bezeichnet.

Was tatsächlich hinter den legendären und mythenumsponnenen Berserkern der altnordischen Überlieferungen steckt, ist jedoch noch immer unklar: Waren es tatsächlich besondere Elitekrieger, die sich durch die Einnahme bestimmter Substanzen oder tranceartige Tänze in einen Kampfrausch versetzen konnten, bezieht sich der Begriff auf die Erinnerungen an germanische Krieger, die als Gladiatoren bei Tierhatzen in römischen Arenen gegen Bären kämpfen mussten oder handelt es sich schlicht um eine literarische Erfindung?

Die neue Studie belegt jedoch zumindest, dass in Nordeuropa zur Wikingerzeit mit dem Schwarzen Bilsenkraut eine Pflanze vorkam, die - in der richtigen Dosis verzehrt - zu einer Vergiftung führte, deren Symptome überraschend gut zu den Eigenschaften der legendären Berserker passen. Zudem ist Schwarzes Bilsenkraut in der Archäologie der Wikingerzeit absolut nicht unbekannt. In einem Grab im dänischen Fyrkat war eine offensichtlich sozial hochstehende Frau mit einer Reihe von ungewöhnlichen Grabbeigaben bestattet worden, darunter mehrere Amulette, ein eiserner Stab, der als Zauberstab gedeutet werden könnte sowie ein kleiner Beutel mit Samen von Schwarzem Bilsenkraut. Es ist immer viel Spekulation mit im Spiel, wenn aus Grabbeigaben die soziale Stellung oder Funktion des Bestatteten zu Lebzeiten herausgelesen werden soll, aber die merkwürdigen Grabbeigaben der Dame aus Fyrkat lassen es durchaus plausibel erscheinen, dass die Frau zu Lebzeiten ein 'ritual specialist' war, eine Priesterin, Wahrsagerin oder Hexe.

In der aktuellen Archäologie in Deutschland ist ein Artikel von Leszek Gardeła und mir erschienen, in dem wir Waffensymbole im wikinzerzeitlichen Frauenschmuck diskutieren.

Heute Abend ab 20:15 Uhr wird auf ZDFinfo erstmals die erfolgreiche sechsteilige Dokumentationsreihe zu den Wikingern 'Viking Dead' in der deutschen Übersetzung ausgestrahlt, für die ich als wissenschaftlicher Fachberater tätig war.

Alle sechs Folgen, in denen es u.a. um die Grabschiffe von Salme in Estland oder das berühmte Oseberggrab geht, können bereits jetzt in der Mediathek des ZDF online abgerufen werden.

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Derzeit kursiert wieder einmal ein Bericht über angebliche Belege für kämpfende Frauen in der Wikingerzeit im Internet, dieses Mal beim Focus. In dem Bericht nebst Interview mit der norwegischen Archäologin Marianne Moen von der Universität Oslo, die hauptsächlich zu Gender-Fragen forscht, wird ein waffenführendes Grab aus dem norwegischen Åsnes (Nordre Kjølen) präsentiert. Das verstorbene Individuum in diesem Grab wurde mit einer vollständigen Waffengarnitur - Schwert, Axt, Speer, Schild und Pfeilen - sowie einem aufgezäumten Pferd beigesetzt.

Künstlerische Rekonstruktion des Frauengrabes von Nordre Kjølen (Zeichnung Mirosłav Kuźma, Bildrechte Leszek Gardeła, mit freundlicher Genehmigung von L. Gardeła; abgedruckt in: Staecker, Jörn & Toplak, Matthias S. (Hrsg.), 2019, Die Wikinger. Entdecker und Eroberer, Berlin: Ullstein Buchverlage/Propyläen Verlag, Abb. 25).

Bereits die anthropologischen Untersuchungen des Skeletts im Anschluss an die Ausgrabung zu Beginn des 20. Jh. hatten vermuten lassen, dass es sich um eine Frau handelte. Die Tote war recht jung verstorben und mit einer Körpergröße von etwa 150 cm und einem Gewicht von nicht mehr als 40 kg auch für damalige Zeiten sehr grazil (zum Vergleich, die Durchschnittsgröße in der skandinavischen Wikingerzeit lag bei etwa 172-176 cm für Männer und 160-165 cm bei Frauen).

Mit Sicherheit ist die Bestattung beim aktuellen Forschungsstand extrem außergewöhnlich. Gemeinsam mit dem berühmten Kammergrab Bj 581 von Birka handelt es sich um eines der beiden derzeit bekannten Gräber aus der skandinavischen Wikingerzeit, in denen Frauen mit einer vollen Waffengarnitur beigesetzt wurden. Anders als bei Bj 581 wurden im Grab von Nordre Kjølen jedoch keine Trachtelemente gefunden, die darauf hinweisen, ob die Verstorbene in Frauenkleidung oder wie bei Bj 581 in Männertracht beigesetzt wurde.

In dem aktuellen Focus-Artikel wird nun jedoch ausgehend von einer Gesichtsverletzung der Toten behauptet, dass dieses Grab als Beleg dafür gesehen werden könne, dass auch Frauen in der Wikingerzeit Waffen geführt und mit den Männern gekämpft hätten. Interessanterweise stammt diese Behauptung jedoch nicht von Marianne Moen, die nur aussagt, dass die Frau von Nordre Kjølen einen 'Kriegerstatus' und die Befugnis und Fähigkeiten zum Führen gehabt habe. Die mögliche symbolische Bedeutung von Waffen in Frauengräbern haben mein guter Freund und Kollege Leszek Gardeła und ich im Kontext des Grabes der 'Birka-Kriegerin' intensiv in dem Buch 'Die Wikinger. Entdecker und Eroberer' in Kapitel 3.1 ("Walküren und Schildmaiden. Weibliche Krieger?", S. 137–151) diskutiert.

Wie auch bei dem Grab von Birka ist nicht auszuschließen, dass diese Waffen durchaus auf eine konkrete soziale (oder sogar militärische?) Rolle der Frau zu Lebzeiten hindeuten, als wichtige sozio-politische (militärische?) Führungsperson der lokalen Gemeinschaft. Über die Frage, wie sie zu dieser Stellung gekommen ist, lässt sich nur spekulieren. Die oftmals angeführte These, dass sie als einziger Nachkomme des lokalen Häuptlings die Rolle eines männlichen Erbens übernehmen musste, kann durch ethnologische und historische Parallelbefunde unterstützt werden. Allerdings stellt sich dann auch zwangsläufig die Folgefrage, warum aus der skandinavischen Wikingerzeit bislang nur zwei solcher Fälle bekannt sind.

Zudem fällt bei dem Grab von Nordre Kjølen auf, dass das Schwert mit der Spitze zum Kopf neben der Toten deponiert wurde und nicht - wie sonst üblich - mit dem Griff. Gemeinsam mit der Tatsache, dass das Schwert auf der linken Seite der Toten liegt - ebenso wie auch bei dem Grab von Birka - deutet das der überzeugenden Theorie von Leszek Gardeła nach darauf hin, dass die Waffen nicht als Kriegsausrüstung der Frau(en) zu interpretieren sind.

Eine tatsächliche Beteiligung am Kampf - wie der Focus-Artikel nun suggeriert - kann in meinen Augen jedoch gänzlich verworfen werden. Die angeführte verheilte Gesichtsverletzung der Toten von Nordre Kjølen, die als Schwertwunde interpretiert wird, ist eindeutig eine Impressionsfraktur von einem stumpfen Gegenstand und keinesfalls ein gerader Schnitt/Hieb von einer Schwertklinge. Dies lässt sich unschwer aus der beim Focus abgebildeten Gesichtsrekonstruktion wie auch an dem im Kulturhistorische Museum (KHM) in Oslo ausgestellten Schädel der Toten erkennen.

Zudem ist eine effektive Beteiligung der Frau von Nordre Kjølen am Kampf Mann gegen Mann meiner Meinung nach aufgrund ihrer körperlichen Konstitution schlicht nicht möglich. Mit 150 cm Körpergröße und 40 kg Gewicht war sie männlichen Gegner körperlich drastisch unterlegen und es ist fraglich, ob sie ein schweres Schwert oder die Axt überhaupt hätte führen können. Ich habe als seit Jahrzehnten aktiver Kampfsportler in verschiedensten Disziplinen - von Muay Thai über historisches Fechten (HEMA) bis hin zu Reenactment-Fechten im Neustadt-Glewe-/Wolin-Stil - die Erfahrung machen müssen, dass körperliche Überlegenheit ein nicht zu vernachlässigender relevanter Aspekt ist. In vielen Kampfsportarten bzw. beim Fechten geht es in der sportlichen Auseinandersetzung viel um Technik, Geschwindigkeit und Erfahrung, so dass eine zierliche Frau wie die Tote aus Nordre Kjølen bei entsprechendem Können durchaus auch größere und kräftigere Männer besiegen kann. Beim ernsthaften Kampf mit Schwert und Schild - sei es im Schildwall oder im Zweikampf - halte ich auch aufgrund meiner persönlichen Erfahrung die körperlichen Unterschiede jedoch für zu gravierend. Eine dermaßen zarte, kleine Frau würde schlicht überrannt werden ohne eine ersthafte Chance zur Gegenwehr.

Das Grab von Nordre Kjølen ist sicherlich ein neues und wichtiges Puzzle-Teil in dem großen Bild der Wikingerzeit, das uns zwingt, die Rolle der Frau und das Genderverständnis der Wikinger neu zu überdenken. Aber es ist kein Beleg für eine aktive Rolle von Frauen als Kriegerinnen im Kampf!

Mehr Informationen zu Walküren, Schildmaiden und Frauen mit Waffen gibt es in dem bereits erwähnten Kapitel von Leszek und mir: Leszek Gardeła, Matthias Toplak, Walküren und Schildmaiden. Weibliche Krieger?, in: Jörn Staecker, Matthias Toplak (Hrsg), 2019, Die Wikinger. Entdecker und Eroberer, Berlin: Ullstein Buchverlage/Propyläen Verlag, S. 137–151.

Zudem möchte ich Leszeks Forschung zu diesem Thema empfehlen: In seinem Projekt 'Amazons of the North? Armed Females in Viking Archaeology and Medieval Literature' präsentiert er in einer inzwischen ganzen Reihe von Aufsätzen sowie in einem bald erscheinenden Buch die neueste Forschung und seine Perspektive zu diesem Thema. Leszeks Publikationen lassen sich online bei Academia.edu herunterladen.