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Die Erstbesiedlung verschiedenster Inselregionen hatte oftmals das Aussterben einzelner Spezies zur Folge, die sich den Menschen aus mangelnder Scheu als Jagdbeute quasi anboten. Alleine die Besiedlung der Inseln Melanesiens und West-Polynesiens durch die sogenannte Lapita-Kultur führte innerhalb weniger Generationen zur Ausrottung von geschätzt 2.000 Vogelarten durch die Siedler. Auch das berühmteste Beispiel für dieses Artensterben im Zuge von Landnahme stammt aus dem Pazifik - der Moa auf Neuseeland, ein großer Laufvogel, der bereits wenige Jahrzehnte nach der Besiedlung Neuseelands durch die Polynesier komplett ausgerottet war.

Neue Forschung eines Teams von dänischen Wissenschaftlern der Universität Kopenhagen haben ein ähnliches Szenario nun auch für die wikingerzeitliche Landnahme Islands im späten 9. und 10. Jh. gezeichnet. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde die isländische Walross-Population durch extreme Bejagung durch die Wikinger völlig ausgerottet. Bislang war die Forschung davon ausgegangen, dass die Walrösser bereits lange vor der Ankunft der Wikinger ihr Habitat um Island verlassen hatten. Die Nachfrage nach Walrosselfenbein - bis in das 12./13. Jh. in Europa die zentrale Quelle für Rohmaterial für alle Formen von Elfenbeinschnitzereien - wiederum war Ende des 10. Jh. mit einer der wichtigen pull-Factoren, die zu einer Besiedlung Grönlands führten.

Am dänischen Nationalmuseum im Kopenhagen sind im Rahmen des Programmes „Danefæ“ von Sondengängern zwei Augenbrauenbögen von zwei vendel-/wikingerzeitlichen Helmen abgegeben worden. Ein Bogen, der zur Verstärkung (und vermutlich auch zur optischen Betonung) der vorderen Stirnpartie an der Helmkalotte über dem rechten Auge angebracht war, besteht aus vergoldeter Bronze und ähnelt von der schlangenartig gewundenen Form her deutlich den vendelzeitlichen Helmen aus den Bootsgräbern von Valsgärde. Der zweite Bogen, von der linken Augenpartie eines Helmes stammend, ist aus Bronze mit Silber- oder Zinntauschierungen und entspricht von der Ausführung her eher den wikingerzeitlichen Exemplaren, wie bei dem Helmfragment von Tjele aus Dänemark.

Die Helme der Wikingerzeit stellen Forscher noch immer vor ein Rätsel, da bislang archäologisch kaum etwas über Helme aus dieser Epoche bekannt ist - anders als in der vorangehenden Vendelzeit, aus der über 30 prachtvolle Helme überliefert sind.

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Eine Auswertung der Grabinventare von über 200 wikingerzeitlichen Bestattungen aus der norwegischen Provinz Vestfold durch die Archäologin Marianne Moen hat ergeben, dass ebenso viele Männer wie Frauen mit Kochutensilien beigesetzt worden sind. Diesen Befund nimmt Moen als Anlass, die bislang angenommene starke Gender-Dichotomie in der altnordischen Gesellschaft zu hinterfragen und den häuslichen Aspekt des wikingerzeitlichen Alltagslebens mehr als genderübergreifend zu deuten. Gerade die Diskussion um das Birka-Grab Bj 581 und die Frage nach waffentragenden Frauen in der Wikingerzeit haben aufgezeigt, dass die bisherigen Vorstellungen der genderspezifischen Rollen der skandinavischen Wikingerzeit nochmals kritisch und ergebnisoffen reevaluiert werden müssen. Und darin schließt sich sicherlich auch der für den wikingerzeitlich kulturell hoch bedeutsamen Aspekt der Gastfreundschaft relevante Befund zu den Kochutensilien an. Allerdings muss auch hier - wie schon bei Waffen in Frauengräbern - immer mit berücksichtigt werden, dass Gräber keinesfalls die alltägliche Lebensrealität abbilden müssen und Kochzubehör, ebenso wie Waffen oder Landwirtschaftsgeräte auch als eine symbolische Ausstattung des/der Verstorbenen fungiert haben können.

Dankenswerter Weise hat es der Ullstein Buchverlag/Propyälen mir ermöglicht, für das Buch 'Die Wikinger. Entdecker und Eroberer' drei neue künstlerische Rekonstruktionen von wikingerzeitlichen Bestattungssituationen anfertigen zu lassen, die neben einigen weiteren Rekonstruktionszeichnungen von Flemming Bau, Mirosław Kuźma und Anders Kvåle Rue die Wikingerzeit wieder ein Stück lebendiger und greifbarer machen und die ich - begeistert von den Ergebnissen - gerne schon jetzt einmal präsentieren möchte!

Von dem polnischen Künstler Mirosław Kuźma, der bereits für seine Grabrekonstruktionen berühmt ist, kommen die Rekonstruktionszeichnungen von zwei gotländischen Gräbern, die mir in den letzten Jahren meiner Forschung ans Herz gewachsen sind: Zum einen ist dies das Grab 505 von Ire, Hellvi sn, in dem ein halbwüchsiger Knabe mit der Ausstattung eines Reiterkriegers bestattet wurde, was ein wunderbares Beispiel dafür ist, dass Bestattungen nicht die Lebensrealität abbilden. Zum anderen ist das die Bestattung einer Frau mit künstlich deformiertem Schädel in Grab 192 von Havor, Hablingbo sn, ein beeindruckender Beleg für die weiten Verbindungen der Wikinger bis in den südosteuropäischen und möglicherweise sogar mittelasiatischen Raum.

Das dritte Bild wurde von dem Berliner Künstler Leonard Ermel nach meinen Vorgaben angefertigt und illustriert auf beeindruckend intensive und atmosphärische Weise, wie die berühmte Bestattungszeremonie eines Rus-Häuptlings an der Wolga ausgesehen haben könnte, die von dem arabischen Diplomaten Ibn Fadlan beschrieben wurde. Ibn Fadlan - dessen Augenzeugenbericht wir aufgrund der enormen Übereinstimmungen zu archäologischen Befunden von wikingerzeitlichen Bestattungen als weitestgehend verlässlich ansehen können - schildert hochkomplexe und vielschichtige Rituale mit Blut, Sex und Gewalt; eine sensorische Reizüberflutung, die für die Beteiligten zu einem kaum mehr nachvollziehbaren intensiven Erleben geführt haben muss.

Ibn Fadlan

Oder: Skandinavien ist nicht alles

Eine der häufigsten Fragen, die mir zu den Wikingern gestellt wird, ist die nach dem Aktionsradius der Nordleute als Händler, Plünderer und Entdecker. Viele Leute sind überrascht, wenn ich dann entgegne, dass es einfacher wäre, aufzuzählen, wo die Wikinger nach derzeitigem Kenntnisstand nicht waren und in der Aufzählung mit Australien beginne. Ich hatte für das Buch 'Die Wikinger. Entdecker und Eroberer' einen längeren Text zu dieser Frage für das einführende Kapitel 'Wikinger!' geschrieben, der leider der umfangsbedingten Kürzung zum Opfer gefallen ist. Da dieser Aspekt aber in meinen Augen einen der zentralen Gründe für die 'Faszination Wikinger' ausmacht (auf jeden Fall für mich!) und die Frage offensichtlich von hohem Interesse ist, möchte ich den Text nur ungerne in den Tiefen meiner Festplatte verschwinden lassen, sondern mache ihn stattdessen hier online zugänglich.

In einem wikingerzeitlichen Kammergrab auf der dänischen Insel Langeland wurde den Forschungen meines guten Freundes und geschätzten Kollegens Leszek Gardeła zufolge eine Frau slawischer Herkunft bestattet. Das Grab enthielt unter anderem eine Axt und wirft neues Licht auf die Präsenz - und vor allem die Bedeutung - von Slawen in der skandinavischen Gesellschaft der Wikingerzeit.

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In der neuen Ausgabe der Archäologie in Deutschland ist auf Seite 74 eine kurze Richtigstellung bzw. Re-Evaluation des waffenführenden Frauengrabes von Birka (Bj 581) von mir abgedruckt. Die kurze Mitteilung basiert weitestgehend auf der bereits in meinem Blog veröffentlichten Meldung, in der ich - basierend auf der zweiten Publikation des schwedischen Forscherteams rund um Charlotte Hedenstierna-Jonson und Anna Kjellström - meine kritische Sichtweise auf die Ergebnisse zum Grab Bj 581 mit der "Kriegerin" von Birka revidieren musste.

Bei Ausgrabungen in Gamla Uppsala in Schweden sind im Juni zwei Bootsgräber entdeckt worden, die ersten Funde dieser Art der letzten Jahrzehnte. Während das eine Grab durch Bautätigkeiten im Spätmittelalter teilweise zerstört wurde, ist das andere Bootsgrab fast vollständig intakt erhalten; ein absoluter Glücksfall für die Archäologie und das erste Bootsgrab, das mit modernen Methoden ausgegraben und untersucht werden kann. In dem Boot war ein Mann mit voller Waffenausstattung, einem Hund und einem Pferd bestattet worden. Einer ersten Sichtung der Funde nach lässt sich das intakte Grab in die mittlere Wikingerzeit datieren. Die detaillierte Auswertung der Gräber in den kommenden Monaten verspricht spannenden neue Erkenntnisse.