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Im mittelnorwegischen Trøndelag wurden im Oktober zwei aufsehenerregende Bootsgräber der Wikingerzeit entdeckt, wie das NTNU University Museum in Trondheim nun bekannt gegeben hat. Bei der älteren Bestattung aus dem 8. Jh. - also dem Übergang zwischen der Vendel- und der Wikingerzeit - handelt es sich um das Grab eines Mannes, der mit seinen Waffen in einem 9-10 Meter langen Boot unter einem Grabhügel bestattet wurde. Über hundert Jahre später wurde der Grabhügel in der zweiten Hälfte des 9. Jh. wieder geöffnet und eine zweite Bestattung in einem Boot sorgfältig in dem ausgegrabenen älteren Bootsgrab niedergelegt. Diesmal handelte es sich um eine Frau, die mit reinen Schmuckbeigaben aus vergoldeter Bronze in einem etwas kleineren Boot beigesetzt wurde.

Nachbestattungen in älteren Grabhügeln oder sogar konkret in den älteren Gräbern sind nichts Ungewöhnliches in der Wikingerzeit und können sowohl im Abstand von wenigen Jahren wie auch im Abstand von mehreren Jahrhunderten vorkommen. Die Niederlegung eines Grabbootes in ein älteres Bootsgrab ist jedoch ein bislang kaum bekanntes Phänomen. Die Bedeutung dieser Handlung ist unklar. Vermutlich sollte durch die zweite Bestattung in dem Grab die Verwandtschaft der Frau mit dem ursprünglich dort bestatteten Mann hervorgehoben werden, um durch diese Familientradition einen besonderen Machtanspruch zu verdeutlichen. Möglich wäre aber auch, dass es zwischen den beiden Bestattungen zu einem sozio-politischen Umsturz kam und die neuen Machthaber durch diese Bestattung die früheren Herrscher symbolisch unter sich begraben wollten. Auf eine Klärung dieser Frage lassen aDNA- und Strontiumisotopenanalysen an den allerdings nur sehr schlecht erhaltenen Knochen hoffen.

Ein deutscher Artikel zu dem Fund ist in den 'Stuttgarter Nachrichten' erschienen, garniert mit Ausschnitten aus einem längeren Interview mit mir.

Dankenswerter Weise hat es der Ullstein Buchverlag/Propyälen mir ermöglicht, für das Buch 'Die Wikinger. Entdecker und Eroberer' drei neue künstlerische Rekonstruktionen von wikingerzeitlichen Bestattungssituationen anfertigen zu lassen, die neben einigen weiteren Rekonstruktionszeichnungen von Flemming Bau, Mirosław Kuźma und Anders Kvåle Rue die Wikingerzeit wieder ein Stück lebendiger und greifbarer machen und die ich - begeistert von den Ergebnissen - gerne schon jetzt einmal präsentieren möchte!

Von dem polnischen Künstler Mirosław Kuźma, der bereits für seine Grabrekonstruktionen berühmt ist, kommen die Rekonstruktionszeichnungen von zwei gotländischen Gräbern, die mir in den letzten Jahren meiner Forschung ans Herz gewachsen sind: Zum einen ist dies das Grab 505 von Ire, Hellvi sn, in dem ein halbwüchsiger Knabe mit der Ausstattung eines Reiterkriegers bestattet wurde, was ein wunderbares Beispiel dafür ist, dass Bestattungen nicht die Lebensrealität abbilden. Zum anderen ist das die Bestattung einer Frau mit künstlich deformiertem Schädel in Grab 192 von Havor, Hablingbo sn, ein beeindruckender Beleg für die weiten Verbindungen der Wikinger bis in den südosteuropäischen und möglicherweise sogar mittelasiatischen Raum.

Das dritte Bild wurde von dem Berliner Künstler Leonard Ermel nach meinen Vorgaben angefertigt und illustriert auf beeindruckend intensive und atmosphärische Weise, wie die berühmte Bestattungszeremonie eines Rus-Häuptlings an der Wolga ausgesehen haben könnte, die von dem arabischen Diplomaten Ibn Fadlan beschrieben wurde. Ibn Fadlan - dessen Augenzeugenbericht wir aufgrund der enormen Übereinstimmungen zu archäologischen Befunden von wikingerzeitlichen Bestattungen als weitestgehend verlässlich ansehen können - schildert hochkomplexe und vielschichtige Rituale mit Blut, Sex und Gewalt; eine sensorische Reizüberflutung, die für die Beteiligten zu einem kaum mehr nachvollziehbaren intensiven Erleben geführt haben muss.

Ibn Fadlan

Unter 'Publikationen' ist nun ein neuer Fachartikel zu Tod und Bestattung in der Wikingerzeit online abrufbar. Der Artikel basiert auf einem Vortrag von mir bei der Konferenz 'Medieval Scandinavia: new trends in research' des Centre of Historical Research von Juni letzten Jahres und ist in der, als Tagungsband fungierenden, aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Quaestiones Medii Aevi Nova abgedruckt.

In dem Artikel untersuche ich die 'Nutzung' von Tod und Bestattungen als eine Form von Ressource zur Konstruktion oder Manipulation von sozialen Identitäten und Führungs- oder Herrschaftsansprüchen.

In der neuen Ausgabe der 'Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters' ist ein Artikel von mir zu  Burial Archaeology und dem Konzept von Embodiment veröffentlicht worden.

In der neuen Ausgabe von 'IMAGE. Journal of Interdisciplinary Image Science' wurde ein Fachartikel von Jörn Staecker, Tobias Schade und mir zur Bedeutung des Konzeptes von Multimodalität in der Archäologie veröffentlicht. Der Artikel ist hier online abrufbar.

In der neuen Ausgabe der 'META. Historiskarkeologisk tidskrift' ist ein Artikel von mir zu Bestattungen in Bauchlage in der skandinavischen Eisenzeit erschienen, in dem ich diese Bestattungssitte aus einem diachronen Blickwinkel analysiere und das Konzept der 'deviant burials' dekonstruieren möchte. Der Artikel ist hier online abrufbar.

Seit ein paar Tagen kursiert ein Aufsatz schwedischer Forscher im Internet, der eine bereits 2013 vorgestellte, auf osteologischen Untersuchungen basierende Vermutung durch aDNA-Analysen bestätigt. Die Gruppe um zwei mir persönlich bekannte und von mir sehr geschätzte Forscherinnen belegt darin, dass die skeletalen Überreste im Kammergrab Bj 581 von Birka tatsächlich zu einer Frau gehören, ein Umstand, der insofern Aufsehen erregend ist, als dass in besagtem Kammergrab eine umfangreiche Grabausstattung gefunden wurde, die von der Archäologie traditionell mit der männlichen Kriegersphäre asoziiert wird und nun als Beleg für weibliche Krieger in der skandinavischen Wikingerzeit gedeutet wird.

Diese Debatte und die methodologischen wie theorieorientierten Hintergründe dieses Grabes beschäftigen mich seit dem Beginn meiner Doktorarbeit, in der ich eine ähnliche Konstellation zu bearbeiten hatte und mich aus mehreren Gründen gegen eine so spektakulär erscheinende Deutung entschieden habe (Wen es interessiert, die Arbeit ist hier aufzurufen; S. 17-22, 62-65, 199 f.)

Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung sind faszinierend und geben (noch mehr) Anlass, die traditionelle Vorstellung von der skandinavischen Wikingerzeit frei von Vorurteilen und kulturell geprägten Antizipationen zu betrachten... sowohl losgelöst von traditionellem Rollendenken einer absoluten Gleichsetzung von sex und gender wie auch losgelöst von einer totalen Auflösung des gender-Konzeptes. Ich bin ziemlich davon überzeugt, dass die traditionelle Geschlechtsbestimmung in der Archäologie (Waffen = Mann, Schmuck = Frau) zumindest in der skandinavischen Wikingerzeit zwar zum überwältigen Teil zutreffend ist, uns aber dadurch einige abweichende und spannende Befunde entgangen sind, möglicherweise eben auch das Kammergrab Bj 581.

Trotzdem ist die aktuelle Studie mit Vorsicht zu deuten, ich möchte nur zwei Aspekte ansprechen, die mir besonders wichtig erscheinen. Eine umfassende und sehr treffende Kritik von Judith Jesch findet sich hier.

Zum einen bedeutet die Beigabe von Waffen nicht automatisch ein Leben als Krieger, weder bei Männern noch bei Frauen... die Toten bestatten sich nicht selbst und Gräber sind kein Spiegel des Lebens (und Spielfiguren im Grab sind kein(!) Hinweis auf eine taktische Beschäftigung, sondern Spielsteine...)! Das sollte inzwischen bei jedem Archäologen angekommen sein (Fachliteratur dazu zähle ich hier aus Platzgründen nicht auf, eine Diskussion dazu sowie Literaturverweise finden sich in meiner Dissertation, S. 17-20).

Zum anderen ist die Zuordnung der Skelettreste zu den einzelnen Gräbern in Birka schwierig bis grenzwertig. Die Ausgrabungen sind zum Teil mehr als 100 Jahre alt und der wissenschaftliche Grabungsstandard wies damals nicht die notwendige Sorgfalt auf wie heute. Meines Wissens noch können wir nicht mit (der notwendigen) absoluten Sicherheit sagen, dass die beprobten Knochen tatsächlich aus dem Kammergrab Bj 581 stammen (siehe dazu auch die relativ vernichtende Aussage zur Möglichkeit einer anthropologischen Auswertung der Gräber von Birka im Band 'Birka II:3' auf S. 144 (dort wird explizit angemerkt, dass dem betreffenden Kammergrab Bj 581 ein männliches und ein weibliches Skelett zugeordnet werden!) oder Jörn Staeckers Aufsatz von 2009: 'Geschlecht, Alter und materielle Kultur. Das Beispiel Birka', in: eds S. Brather, D. Geuenich & C. Huth, Reallexikon der germanischen Altertumskunde. Festschrift für Heiko Steuer zum 70. Geburtstag, Berlin, 475–500).

Für mich sind die Ergebnisse der schwedischen Kollegen ein aufregender (und mutiger) Schritt in die Richtung einer kritischen Reevaluation unserer traditionellen Vorstellungen von der skandinavischen Wikingerzeit! Ich weiß selber nicht, ob ich an die Existenz von Kriegerinnen glaube (oder glauben möchte), aber wir sollten diesen Gedanken als eine Arbeitshypothese zulassen und es ist wissenschaftlich gesehen der einzige korrekte Weg, gender (im archäologischen Befund) und sex (über eine naturwissenschaftliche Auswertung) zuerst einmal voneinander zu trennen und im Idealfall über eine holistische Untersuchung vorurteilsfrei mit-/gegeneinander in Deckung oder Kontrast zu setzen. Genau das versucht die vorliegende Studie, aber (!) aufgrund einer Reihe von relevanten Kritikpunkten ist sie maximal ein Anhaltspunkt für die mögliche Existenz von Frauenbestattungen mit Kriegerausrüstung, aber kein (!) Beleg für die Existenz von Kriegerinnen!